1965

Wir waren vom Stadtteil „Römerstadt“ in Frankfurt am Main in das Neubaugebiet „Nordweststadt“ gezogen. Und dort wurden bei den Neubauten viele Dinge aus der Römerzeit entdeckt. Ich begleitete in den Ferien und nach der Schule jeden Tag die vielen Archäologen, die dort Ausgrabungen machten, und war zum Beispiel bei der Entdeckung eines Kellers aus der Römerzeit dabei. Ich selbst war ständig auf der Suche nach „Römerscherben“ – so nannten wir Reste von Krügen und anderen Gegenständen mit schönen Verzierungen. Ich fand viele interessante Dinge aus der Zeit, als die Römer dort waren: Eine Pfeilspitze, Münzen mit Abbildungen der römischen Kaiser u. a. Und da war für mich klar, ich würde Archäologe werden!

Bald darauf drehte sich alles um die Politik. Mein großes Vorbild war zu dieser Zeit Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister Berlins, der einige Jahre später Bundeskanzler werden sollte. Ich schickte ihm ein kleines Büchlein, das ich gemalt hatte, mit politischen Karikaturen, die sich kritisch mit der CDU auseinandersetzten. Willy Brandt schrieb mir persönlich am 5. November 1965 zurück: „Über Deine Aufzeichnungen aus der Zeit des Wahlkampfes habe ich mich sehr gefreut, vor allem darüber, dass ein Junge in Deinem Alter schon so regen Anteil am politischen Leben nimmt.“. Dazu schickte er mir noch eine Autogrammkarte.
Auf dem Foto sieht man, wie ich mir ein „Büro“ eingerichtet hatte, das ganz anders aussah als Kinderzimmer sonst aussehen. Ich las regelmäßig Tageszeitungen und Zeitschriften wie den SPIEGEL oder den STERN und hatte Fotos von allen wichtigen Politikern ausgeschnitten, um sie auf einem großen Poster an meine Wand zu hängen.

Ich danke dem Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung, in dem sich mein Büchlein mit politischen Karikaturen sowie der Briefwechsel mit Willy Brandt fand. Der Archivleiter teilte mir am 17.10. 2016 mit: „Da der Entwurf des Antwortschreibens handschriftliche Einarbeitungen von Willy Brandt trägt, können Sie getrost davon ausgehen, dass er die beiden Büchlein auch tatsächlich gesehen hat.“

Hier mein Antwortbrief an Willy Brandt vom 7. November 1965

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