1992 – 1993

Die deutsche Wiedervereinigung veränderte auch bei mir einiges. Am Tag als die Mauer fiel, ließ ich mein Seminar an der Freien Universität ausfallen und ging mit meinen Studenten an die ehemalige Grenze, um Geschichte live zu erleben. Als ich die Nachricht von der Wiedervereinigung hörte, wurde für mich ein Traum wahr. Ich hatte mich seit vielen Jahren mit möglichen Wegen zur Wiedervereinigung befasst, die dann allerdings ganz anders kam, als ich es erwartet hatte. Wichtig war jedoch: Deutschland war wiedervereinigt – für mich ein Grund zur Freude, für viele politisch links stehende Politiker und Publizisten damals allerdings nicht. Der Kommunismus war zusammengebrochen. Es gab eine neue Chance für die Freiheit. Das alles bewegte mich, und ich konnte mir es in dieser Situation nicht vorstellen, die nächsten Jahre oder Jahrzehnte als Geschichtswissenschaftler in Archiven zu verbringen. Die Geschichte fand ja jetzt und hier statt. Und ich wollte mich nicht mehr nur wissenschaftlich damit befassen, sondern selbst Impulse für die politische Diskussion setzen. Deshalb wechselte ich 1992 von meiner Stelle als Wissenschaftlicher Assistent an der FU Berlin zu den Verlagen Ullstein und Propyläen.
Dort war ich Cheflektor und initiierte Dutzende Buchprojekte. So hatte ich die Idee, ein Buch des Politikwissenschaftlers Jens Hacker unter dem Titel „Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen“ herauszubringen. 1990 wollte fast jeder Politiker, Wissenschaftler und Journalist angeblich schon immer für die deutsche Einheit gewesen sein. Das Buch zeigte, dass das keineswegs so war.
Ich verlegte damals viele Bücher von konservativen Politikern und Wissenschaftlern, so etwa von dem ehemaligen Berliner CDU-Innensenator Heinrich Lummer. Aber im Verlag bot ich auch nonkonformistischen Autoren aus dem linken Spektrum Raum für interessante Publikationen. So veröffentlichte der ehemalige SDS-Aktivist und damals beim SPD-Parteivorstand für Schulung und Bildung zuständige Referent Tilman Fichter ein Buch über „Die SPD und die Nation“. Und Wolfgang Kowalsky von der Gewerkschaft IG Metall veröffentlichte ein Buch über den richtigen Weg der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus.
Meine Aktivitäten beim Ullstein/Propyläen-Verlag, der damals zum Axel-Springer-Konzern gehörte, fielen auch Claus Jacoby, dem Herausgeber der Tageszeitung DIE WELT, auf. Eines Tages rief er mich an und fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Leitung der „Geistigen Welt“ zu übernehmen, die damals wöchentlich erschien.

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